Im Spiegel: Gabriele Lübke schreibt eine bewegende Geschichte - mit einer Enklave der Gefühlskälte.

T.R.E.Lentze, Montag, 06. März 2017, 13:45 (vor 201 Tagen)

Man lese: "Euthanasie"-Opfer der Nazis - "Ich bin ohne Sinnen gestorben!"

Darin schreibt die Autorin über ihre Großmutter, welche dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer fiel.

Die Diagnose: paranoide Schizophrenie. Rosa fügte sich nicht in das Anstaltsleben ein. Für Ärzte und Pflegepersonal war sie nur eine rebellische, aufsässige Patientin. Rosas Willen konnten sie nicht brechen, ihre kritischen Äußerungen über Hitler und das Naziregime nicht stoppen. So nannte sie Hitler einen Schweinehund, der seine Leute mit "Kraft durch Freude" fange.

Für die Autorin ist Rosa eine Heldin, obwohl diese tatsächlich - zumindest ein bißchen - verrückt gewesen sein muß:

Besonders beeindruckt hat mich, was Rosa am 19. Januar 1941 dem Anstaltsarzt sagte: "Ich habe die Ehrenrechte der ganzen Welt. Ich bin als Staatsanwältin angestellt, um selbst aufzuklären, warum ich gemordet worden bin! Ich bin ohne Sinnen gestorben!"

Gegen die Empathie der Autorin für ihre Großmutter ist gleichwohl nichts einzuwenden. Schockiert hat mich allerdings eine andere Passage.

Nach dem Tod ihrer Mutter reiste Rosa im Februar 1929 mit den Kindern nach Borneo. In der damaligen niederländischen Kolonie hatte ihr Ehemann inzwischen ein Haus erworben und Personal eingestellt. Im Januar 1930 kam es zu einem Aufstand der Bergwerksarbeiter, bei dem Jean erstochen wurde. Rosa beerdigte ihn auf Borneo und kehrte mit den beiden Kindern zurück in ihren Heimatort Würselen. Dort kam es zu Streitigkeiten um das Erbe ihres Mannes und zum endgültigen Bruch mit den Schwiegereltern.

Für sich und ihre Kinder richtete Rosa eine Wohnung ein. Finanzielle Sorgen hatte sie nicht, da sie eine Witwen- und Waisenrente aus den Niederlanden bekam und eigenes Vermögen aus dem Erbe ihrer Eltern hatte.

Beachten Sie bitte die von mir goldfarben hinterlegten zwei Sätze! Da wird ganz nüchtern der gewaltsame, sicher sehr dramatisch vonstatten gegangene Tod von Rosas Ehemann festgestellt und gleich darauf wieder die Lebensgeschichte der Frau weitergeführt.

Und nun frage ich Sie:

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Ist der Tod dieses Mannes nicht mindestens ebenso wert, ingestalt einer Geschichte, zumindest aber mit einigen weiteren Worten, gewürdigt zu werden? Immerhin war dieser Mann, anders als die Frau, nicht verrückt. Vermutlich hat er etwas geleistet. Insofern ist seine Ermordung als tragisch zu bezeichnen. Und die Umstände seiner Ermordung auf Borneo waren sicher nicht weniger dramatisch als die Ermordung der Frau.

Gewiß, ich schreibe als Mann. Und als Mann nehme ich mir heraus, Partei zu nehmen für die Vertreter meines Geschlechts. Das habe ich bei den Fezis gelernt.

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Aber dieses Mord-Opfer war ja nicht nur ein Mann. Er war auch ein Vertreter einer Kolonialmacht. Eine Empathie für diesen Mann kann also auch leicht als "Verherrlichung" eines mutmaßlich ungerechten und ausbeuterischen Systems bzw. als Herabwürdigung indigener Menschen ge/mißdeutet werden. Gegen die Nazis zu schreiben, ist dagegen unproblematisch. Damit läßt sich heute Karriere machen.

Zumal wenn es dabei gegen Männer geht. Doch man sehe sich die Fotos im "Spiegel"-Artikel an. Etwa das nebenstehende. Es zeigt ausschließlich Täterinnen.

trel


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